Wenn ich sterbe
möchte ich, dass irgendwer
was kleines Ostdeutsches zu mir
sagt - so wie:
„Jeder jeden Tag
mit guter Bilanz!”
oder: „Spaniens Himmel
breitet seine Sterne”
„Messe der Meister von Morgen”
oder: „Goldbroiler”
oder: „Guten Tag,
Ministerium für Staatssicherheit,
kommen Sie mal bitte mit!”
Da würde ich mich gleich ganz
wie zu Hause fühlen
bei den Toten
Kurt Mondaugen 2009
Herbst
Wir spüren den Nebel
Wir ziehen unsere Fische
Eilig durch die Dämmerung
Sie hängen an langen Schnüren
Und beteuern
Ihre Unschuld
Aber wir wissen
es besser!
Verwandlung
Dieser Sommer,
Der sich ins Endlose weitet
Wie deine Schenkel
Im Morgengrauen
Über der Stadt
Tritt der Vogel
In die Fußstapfen
Des Milchbarts
Hinter deiner Tür
Husten die Wölfe
Ihr schwarzes Gebet
Das kommt davon
Sagst du und wechselst
Deinen Erscheinungsort
Nach der Brause-Liebe
Auf der Wiese träumst du still
Wo ich dich begehren will
Zwischen Zwitschergras und Binsen
Lass den Junimond dich finden
Und er sichle meinen Schmerz
In dein Bitterlemonherz!
Atlantique
Nächtens in den Wanderdünen
Lag ich lauschend tief nach Süden
Zwischen Muscheln alter Lüste
träumt ich deine goldnen Brüste
Eilten durch das Mondgestrüpp
- Möwenschrei! Molluskenglück! -
und stürzten sich ins dunkle Meer
mein Delfin tauchte hinterher
nun irrt er durch sechs Ozeäne
folgt Hering, Matjes und Muräne
durch Schaum und Tang und schwarze Gischt
wischt sich die Tränen vom Gesicht
jedoch allein: es nutzt ihm nischt!
Auf und davon
Du bist abgereist,
flüstern erschrocken
meine verwirrten gedichte
und der schmerz sticht ihnen
durch Reim und Rhythmus
denn
sie erreichen dich nicht mehr
fiebrig und schmalbrüstig
hocken sie
wie blasse nebelkrähen
in einer
herbstrobinie
und beobachten
den windigen mond,
der im neoprenanzug
über den himmel schleicht
für immer
- auf und davon!
Das blaue Gedicht
Auflauernd
Deinen Brüsten
Die übers Wasser gleiten
Wie blaue Irrwische
Steh ich am Ufer
Und sage Gedichte auf
Gegen die Brandung
Durch meine dürren Hoden
Pfeift der Wind